graphic

Dianne L. Chambless, Professor emerita in Psychologie an der University of Pennsylvania, ist am 14. Juli 2023 nach langer schwerer Krankheit gestorben.

Dianne Chambless hat auf verschiedenen Gebieten der Psychotherapieforschung Meilensteine gesetzt. Sie hat äußerst einflussreiche Beiträge sowohl für die Forschung als auch für die Therapiepraxis geleistet. Als herausragende Themen sind Arbeiten im Bereich der Angstforschung sowie in der Erweiterung der Kenntnisse zu interaktionellen Prozessen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen zu nennen. International von besonderer Bedeutung waren und sind ihre systematischen Untersuchungen zu evidenzbasierter Psychotherapie, mit denen sie gerade auch in Deutschland sehr viel zum Ansehen der Psychotherapie, insbesondere hinsichtlich der sozialrechtlichen Anerkennung, beigetragen hat.

Die Würdigung ihrer Leistungen umfasst darüber hinaus ihr großes Engagement für ihre Tätigkeit als Mentorin für Nachwuchswissenschaftler*innen im Bereich der Klinischen Psychologie und Psychotherapie.

Dianne Chambless studierte zunächst Politikwissenschaften am Newcomb College der Tulane University in New Orleans und an der Sorbonne in Paris. Anschließend studierte und promovierte sie in Klinischer Psychologie an der Temple University in Philadelphia. Nach Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Temple University, der American University in Washington D.C. und der University of North Carolina in Chapel Hill kehrte Dianne Chambless nach Philadelphia zurück, wo sie als Professorin und Leiterin des Programms für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der University of Pennsylvania seit 2002 tätig war. Ihre eigene psychotherapeutische Ausbildung umfasste neben Kognitiver Verhaltenstherapie auch psychodynamische Therapie und Gestalttherapie. Sie hat im Rahmen ihrer Tätigkeiten dabei fortlaufend und bis ans Ende ihrer aktiven beruflichen Tätigkeit auch Patient*innen behandelt. Dianne Chambless hat in ihrer Karriere deutlich gemacht, dass sich Wissenschaft und Praxis gegenseitig brauchen und befruchten, und im besten Sinn das Scientist-Practitioner Modell vorgelebt.

Das große Ziel der wissenschaftlichen Forschung von Dianne Chambless war es, psychotherapeutische Behandlungsansätze für psychische Störungen zu verbessern und nachzuweisen, dass und wie diese wirksam sind.

Ihre Karriere begann mit Forschungsarbeiten, die sie zusammen mit ihrem Kollegen und Ehemann Alan Goldstein schon in den 70er Jahren entwickelte und die unser Verständnis von Panikattacken und Agoraphobie grundlegend verändert und erweitert haben [Chambless und Goldstein, 1980, 1981; Goldstein und Chambless, 1978]. Die systematischen Beobachtungen und Untersuchungen machten deutlich, dass Paniksymptome, einschließlich katastrophaler Gedanken an den Tod oder das Verrücktwerden, weitere Ängste hervorrufen und dass zu einem großen Teil diese „Angst vor der Angst“ die agoraphobische Vermeidung erklärt. Statt dass der angstauslösende Stimulus lediglich der „Marktplatz“ (bzw. andere Situationen) sei, wie die Diagnose nahelegte und sowohl Kliniker*innen als auch Forscher*innen zu dieser Zeit annahmen, hat sie deutlich gemacht, dass der besonders relevante Stimulus für agoraphobische Vermeidung und für Panikattacken meist die Erwartung einer Angstattacke selbst ist. Diese Sichtweise, die eng mit dem Konstrukt der Angstsensitivität verwandt ist, bildete eine der wesentlichen Grundlagen für die Behandlung von Paniksymptomen durch Exposition, insbesondere auch interozeptive Exposition. Diese ist heute nach wie vor „state of the art“ und die nachgewiesenermaßen wirksamste psychotherapeutische Intervention.

Dianne Chambless entwickelte und validierte zudem die am häufigsten eingesetzten Fragebögen zur Messung von Überzeugungen und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Panikstörungen und Agoraphobie: den Fragebogen zu Körperempfindungen (BSQ), den Fragebogen zu agoraphobischen Kognitionen (ACQ) und das Mobilitätsinventar (MI). Sie machte diese psychometrischen Verfahren in den 1980er Jahren frei zugänglich; Jahrzehnte vor der Idee von open-source Veröffentlichungen. Die Verfahren zählen auch im deutschsprachigen Raum nach wie vor zu den Standarddiagnostika bei agoraphobischen Ängsten.

Ein weiterer großer Forschungsbereich von Dianne Chambless bezieht sich auf die Rolle, die zwischenmenschliche Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen spielen.

Schon in ihrer 1978 erschienenen Publikation „Reanalysis of Agoraphobia“ begann sie, die Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehungen bei Menschen mit Angststörungen herauszustellen. Die konzeptuellen und empirischen Forschungsarbeiten von Dianne Chambless trugen maßgeblich zu Klärung bei, dass und auf welche Weise zwischenmenschliche Faktoren für den Verlauf und die Behandlung von psychischen Störungen bedeutsam sind. Ihre Studien warfen ein neues Licht auf die Rolle der wahrgenommenen Kritik („perceived criticism“) und der „expressed emotion“ für den Verlauf und den Rückfall bei Zwangsstörungen und Angststörungen. Gemeinsam mit Gail Steketee und anderen Kollegen und Kolleginnen konnte sie die hohe Bedeutsamkeit interaktioneller Prozesse für die Entstehung, aber auch den Erfolg, von Behandlungen bei Personen mit Angst- und Zwangsstörungen nachweisen. So sagte das Ausmaß wahrgenommener Kritik durch Angehörige („perceived criticism“) die Schwere der Angstsymptome nach einer verhaltenstherapeutischen Behandlung bei Patient*innen mit Zwangsstörung und Agoraphobie voraus [Renshaw et al., 2003].

In einer späteren Untersuchung zeigten Chambless und Kolleg*innen, dass die wahrgenommene Kritik von Angehörigen ein Prädiktor für Therapieoutcome für Panikstörungen ist, unabhängig von der Behandlungsmethode (Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie oder „applied relaxation“). Damit wurde empirisch gezeigt, dass die subjektive Wahrnehmung von Kritik ein wichtiger Prädiktor für Therapieoutcome ist. Gleichzeitig zeigten die Forschungsarbeiten, dass sich die wahrgenommene Kritik nicht schnell ändert. Daher sollten Interventionen entwickelt werden, um diese Wahrnehmungsprozesse zu ändern [Chambless et al., 2017].

Charakteristisch für die Forschung von Dianne Chambless ist, dass sie zuvor die Reliabilität und Validität der Kodierungssysteme und Items zu „perceived criticism“ untersuchte und immer dafür sorgte, psychometrische Eigenschaften zu überprüfen. Später entdeckte sie in ihren Forschungsarbeiten auch ethnische Unterschiede hinsichtlich wahrgenommener und in Videosequenzen geäußerter Kritik. Die Daten mit schwarzen Patient*innen in den USA deuten darauf hin, dass es Unterschiede in den Kodierungen der Kritik zwischen schwarzen und weißen Familienangehörigen gibt, und dass die Bewertungen der Patient*innen in Bezug auf wahrgenommene Kritik das Mittel der Wahl sein könnten, um schwarze Familien zu identifizieren, die in den Behandlungsprozess einbezogen werden sollten, um kritikbedingte Behandlungsfehler zu verringern [Chambless et al., 2022].

Neben Untersuchungen zum Störungswissen von Angst- und Zwangsstörungen und deren Behandlung hat sich Dianne Chambless über lange Jahre und in Kooperation mit vielen Arbeitsgruppen dafür eingesetzt, dass – über die Verhaltenstherapie hinaus – die Evidenzbasierung der Psychotherapie die zentrale Voraussetzung für die Beurteilung der Qualität psychotherapeutischer Interventionen und der Verbreitung (Dissemination) sein muss.

Ab 1993 leitete Dianne Chambless die von der American Psychological Association (APA) eingerichtete Task Force zur Förderung und Verbreitung von Psychotherapie. Diese Task Force erstellte Kriterien zur Beurteilung der wissenschaftlichen Grundlage und der Wirksamkeit psychotherapeutischer Ansätze. Der wegweisende Artikel „Defining Empirically Supported Therapies“, den sie gemeinsam mit Steven Hollon verfasst hat [Chambless und Hollon, 1998], gehört zu den meistzitierten Arbeiten in der Klinischen Psychologie und Psychotherapieforschung. Die Diskussion über die Identifizierung und Verbreitung empirisch gestützter Behandlungen war und ist ein sehr wichtiges, aber gleichzeitig auch kontroverses Thema. Dianne Chambless hat sich mit viel Engagement dieser Diskussion gestellt und mit ihrer Arbeit wesentlich dazu beigetragen, dass die Frage des Nachweises der Wirksamkeit psychotherapeutischer Behandlungen eine fortlaufende zentrale Aufgabe von Wissenschaft und Praxis ist.

Auch in Deutschland hatten und haben die von der APA Task Force entwickelten Kriterien großen Einfluss. Sie bilden die entscheidende Grundlage für die strukturelle Qualitätssicherung, namentlich im Rahmen der Tätigkeit des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie und des Gemeinsamen Bundesausschusses der Leistungserbringer und Krankenkassen und den damit verbundenen Einflüssen auf Berufs- und Sozialrechte im psychotherapeutischen Gesundheitswesen.

Für ihre Arbeiten erhielt Dianne Chambless zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den Preis der American Psychological Association (APA, 1998), mit dem Psycholog*innen geehrt werden, die herausragende Beiträge zum Verständnis und zur Verbesserung wichtiger praktischer Probleme geleistet haben, sowie den „lifetime achievement award“ der Association for Cognitive and Behavioral Therapies (ABCT, 2017). Im Jahr 2011 wurde ihr Engagement in Berlin im Rahmen des Kongresses der Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie mit dem Klaus-Grawe Preis gewürdigt.

Neben ihrer fundierten eigenen Forschung war Dianne Chambless auch eine inspirierende Mentorin für Nachwuchswissenschaftler*innen. Mit Akribie und Sorgfalt verstand sie es meisterhaft, Publikationen ihrer Student*innen und Doktorand*innen zu begleiten. Dabei hat sie in vorbildlicher Art immer auch die persönliche Situation ihrer Nachwuchswissenschaftler*innen mit einem hohen Maß an Empathie berücksichtigt. Für ihr Engagement in der Förderung des Nachwuchses erhielt sie ebenfalls mehrere Auszeichnungen, darunter im Jahr 2016 den Provost’s Award for Distinguished Ph.D. Teaching and Mentoring der University of Pennsylvania und schon 2002 den Mentoring Award der American Psychological Association.

Im beruflichen Kontext war Dianne Chambless für ihr Engagement, ihre gründliche und präzise Arbeitsweise sowie für ihren Mut und ihre Ausdauer bekannt. Allen, die Dianne Chambless persönlich kannten, werden ihr echtes Interesse am Gegenüber und ihre warmherzige Unterstützung fehlen, und sicher werden auch ihre Kochkünste in bester Erinnerung bleiben.

Dianne Chambless hinterlässt ihren geliebten Ehemann und Kollegen Alan Goldstein. Sehr viele ehemalige Studierende, Kollegen und Kolleginnen werden ihr Vermächtnis der wissenschaftlichen Integrität und ihres Engagements für das Lernen weiterführen. Sie fehlt allen, die das Privileg hatten, sie zu kennen.

Babette Renneberg, Berlin

1.
Chambless
DL
,
Goldstein
AJ
.
Agoraphobia
. In:
Goldstein
AJ
,
Foa
EB
,
editors.
Handbook of behavioral interventions
.
New York
:
Wiley
;
1980
. p.
322
415
.
2.
Chambless
DL
,
Goldstein
AJ
.
Clinical treatment of agoraphobia
. In:
Mavissakalian
M
,
Barlow
D
, editors.
Phobia: Psychological and pharmacological treatment
.
New York
:
Guilford
;
1981
. p.
103
44
.
3.
Chambless
DL
,
Hollon
SD
.
Defining empirically supported therapies
.
J Consult Clin Psychol
.
1998
;
66
(
1
):
7
18
.
4.
Chambless
DL
,
Allred
KM
,
Chen
FF
,
McCarthy
KS
,
Milrod
B
,
Barber
JP
.
Perceived criticism predicts outcome of psychotherapy for panic disorder: replication and extension
.
J Consult Clin Psychol
.
2017
;
85
(
1
):
37
44
.
5.
Chambless
DL
,
Allred
KM
,
Nakash
O
,
Porter
E
,
Schwartz
RE
,
Brier
MJ
.
Race matters in assessment of familal criticism
.
J Soc Clin Psychol
.
2022
;
41
(
2
):
155
75
.
6.
Goldstein
AJ
,
Chambless
DL
.
A reanalysis of agoraphobia
.
Behav Ther
.
1978
;
9
(
1
):
47
59
.
7.
Renshaw
KD
,
Chambless
DL
,
Stekete
G
.
Perceived criticism predicts severity of anxiety symptoms after behavioral treatment in patients with obsessive-compulsive disorder and panic disorder with agoraphobia
.
J Clin Psychol
.
2003
:
59
(
4
):
411
21
.