Klinische Studien sind die Grundpfeiler der modernen evidenzbasierten Medizin. Sie bilden die Voraussetzung für den Transfer von medizinischem Fortschritt und innovativen Therapien in die Gesundheitsversorgung. In Deutschland haben insbesondere die Hämatologie und die Onkologie den Stellenwert klinischer Studien früh erkannt und deren Entwicklung sowie Durchführung seit Ende der 1970er Jahre durch die Gründung von multizentrischen Studiengruppen vorangetrieben: Die durch das damalige Bundesministerium für Forschung und Technologie geförderten Therapieoptimierungsstudien und Investigator-initiierten Studien im Bereich der hämatologischen Onkologie wurden weltweit standardbildend. Sie ebneten den Weg für die immensen Fortschritte in der Behandlung vieler Blut- und Krebserkrankungen, wie in jüngster Zeit z.B. durch immuntherapeutische Therapieansätze einschließlich der CAR-T-Zell-Therapie.

Trotz der Bedeutung, die klinische Studien für Deutschland haben, sind die Rahmenbedingungen für klinische Forschung in der Bundesrepublik Deutschland nicht optimal, was sich auf den internationalen Wettbewerb um die besten Studienbedingungen und damit auch den Anschlusserhalt an innovative Behandlungsansätze auswirken kann. Die Schwierigkeiten reichen von den zunehmend komplexen, regulatorischen und administra­tiven ­Anforderungen, die häufig durch das föderale System nochmals verstärkt werden, über fehlende Anreize für den wissenschaftlich-klinischen Nachwuchs, bis hin zu den notwendigen hohen finanziellen Mitteln, die neben der Durchführung der Studien auch für die Aufrechterhaltung der studienrelevanten Strukturen aufgebracht werden müssen.

Auf der – auch in diesem Jahr virtuell durchgeführten – Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. (DGHO) stellten Vertreterinnen und Vertreter aus der klinischen Forschung, der forschenden Arzneimittelindustrie sowie des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Deutschen Krebshilfe (DKH) ihre Einschätzungen zu den gegenwärtigen Chancen und Hemmnissen für Deutschland als Studien- und Forschungsstandort dar. Bei der gemeinsamen Diskussion um mögliche Lösungsansätze wurden unter anderem bestehende Stärken und Poten­ziale durch neue leistungsfähigere Studieninfrastrukturen sowie Forschungsnetzwerke, aber auch Lücken bei den gegenwärtigen Finanzierungsmöglichkeiten angesprochen, die insbesondere die Durchführung von Investigator-initiierten Studien erschweren. Als eines der wichtigsten Ziele wurde die Schließung von bestehenden Bruchstellen in der Translationskette identifiziert – zum einen zwischen der Entwicklung innovativer Ideen und Ansätze in der Grundlagenforschung und der präklinischen und klinischen Forschung, zum anderen zwischen der klinischen Forschung und der Regelversorgung.

Um auf internationaler Ebene im Bereich der medizinischen Spitzenforschung konkurrenzfähig zu bleiben bzw. wieder zu werden, ist ein ambitioniertes Gegensteuern auf politischer und institutioneller Ebene notwendig. Nur so können die Defizite, die in der Bundesrepublik Deutschland gegenwärtig als Standort für klinische Studien und Forschung zu beobachten sind, nachhaltig abgebaut und eine hohe Qualität mit Blick auf die Durchführung von klinischen Studien sichergestellt werden.

Wir bedanken uns bei den Referentinnen und Referenten für die wertvollen Beiträge und bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die intensive Diskussion und hoffen, mit dem vorliegenden Supplement Denkanstöße und Impulse zu geben, sodass wir uns gemeinsam den drängenden Herausforderungen im Bereich von klinischen Studien stellen und zur Sicherung des Studien- und Forschungsstandortes Deutschland beitragen können.

Prof. Dr. med. Hermann Einsele, Würzburg

Prof. Dr. med. Andreas Hochhaus, Jena

Prof. Dr. med. Maike de Wit, Berlin

Dr. med. Carsten-Oliver Schulz, Berlin