Hintergrund: Das Kawasaki-Syndrom (KS) ist eine akute, systemische Vaskulitis im Kindes- und Jugendalter, deren Ätiologie nicht vollständig verstanden ist. Man vermutet, dass die Entstehung des KS durch eine Immunreaktion vermittelt wird. Verschiedene Publikationen aus Ostasien berichten von einer erhöhten Prävalenz von atopischen Erkrankungen bei Patienten mit KS, doch groß angelegte Studien zu diesem Zusammenhang bei nicht-asiatischen Patientenpopulationen liegen bisher nicht vor. Das Ziel dieser Studie war es, einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke zu leisten. Methoden: Wir führten eine große Querschnittstudie zur Einschätzung der Korrelation von KS und allergischen Erkrankungen durch. Dafür studierten wir die Patientenakten von 1 187 757 israelischen Teenagern (16-20 Jahre im Zeitraum 1998-2013). Die Studienpopulation wurde in 3 Gruppen aufgeteilt: je eine KS-Gruppe mit oder ohne Komplikationen in der Vorgeschichte sowie eine Kontrollgruppe. Darauf aufbauend wurde die Prävalenz von Allergien in diesen Gruppen untersucht. Ergebnisse: Die Prävalenz verschiedener atopischer Erkrankungen in den 3 Studiengruppen wurde präsentiert: Asthma bei 11,4, 8,1 bzw. 3,5%, Angioödem/Urtikaria bei 7,1, 0 bzw. 0,46% und allergische Rhinitis bei 20, 12,1 bzw. 6,7%. Bei unkompliziertem KS wurde ein statistisch signifikanter Zusammenhang mit Asthma (Odds Ratio (OR) 2,4; p = 0,048) und ein grenzwertig signifikanter Zusammenhang mit allergischer Rhinitis (OR 1,9; p = 0,048) festgestellt. Bei KS mit Herzerkrankung als Komplikation bestanden statistisch signifikante Zusammenhänge mit allen allergischen Erkrankungen; Asthma (OR 3,5; p = 0,003), allergische Rhinitis (OR 3,5; p < 0,001) und Angioödem/Urtikaria (OR 16,48; p < 0,001). Schlussfolgerung: KS ist mit allergischen Erkrankungen assoziiert. Die Stärke der Assoziation steigt mit der Schwere der Erkrankung.

Hintergrund

Auf den ersten Blick haben atopische Erkrankungen und Autoimmunerkrankungen wenig gemeinsam. Bei näherer Betrachtung erkennt das Fachauge jedoch einige Gemeinsamkeiten, die differentialdiagnostisch betrachtet nicht unerheblich sind: Neben der deutlichen Zunahme der Prävalenz für beide Erkrankungsgruppen in den letzten zwei Jahrzehnten liegt eine weitere Gemeinsamkeit in der Beteiligung eines fehlgesteuerten Immunsystems auf Grundlage einer multifaktoriellen Ätiologie. Die Hypersensitivität und die resultierenden Entzündungsprozesse werden entweder durch exogene oder endogene Antigene getriggert. Das Spektrum der immunologischen Antwort hinsichtlich zellulärer Differenzierung des adaptiven Immunsystems und beteiligter molekularer Mediatoren unterscheidet sich bei atopischen Erkrankungen zwar deutlich von dem der Autoimmunerkrankungen. Doch auch wenn die Atopie und die Autoimmunität somit als differente immunologische Zustände verstanden werden, lassen Ergebnisse aus diversen epidemiologischen Studien der letzten 10 Jahre überraschend viele Überschneidungen erkennen. Beispielsweise scheint die Atopie gerade in frühen Kinderjahren ein prädisponierender Faktor für autoimmune Schilddrüsenerkrankungen [1], den juvenilen systemischen Lupus erythematodes [2], wie auch für verschiedene Vaskulitiden [3,4] darzustellen.

Studienergebnisse

Trotz aller Limitierungen, die der Natur retrospektiver Studien geschuldet sind, legen die Ergebnisse der vorliegenden israelischen Studie die Atopie als einen prädisponierenden Faktor für das insgesamt seltene Kawasaki-Syndrom nahe.

Auf der pathophysiologischen Ebene konnten die Mechanismen, die einen Zusammenhang zwischen Autoimmunität und Atopie erklären könnten, bisher noch nicht hinreichend belegt werden. Als mögliche Bindeglieder werden Interaktionen dendritischer Zellen, regulatorischer T-Zellen, Th17-Zellen sowie Interleukin-9 diskutiert. Fortschritte in dieser Fragestellung könnten Implikationen für präventive therapeutische Maßnahmen bereithalten.

Fallbeispiel aus der Praxis

In unserer kinderpulmologischen Ambulanz des Universitäts Kinder- und Frauenzentrums in Dresden betreuen wir eine junge Patientin mit den klassischen Manifestationen der Atopie: Neurodermitis, allergische Rhinokonjunktivitis und Asthma bronchiale. Das besondere bei diesem Mädchen waren im Verlauf zusätzlich auftretende Autoimmunphänome wie Alopecia totalis, Infektanfälligkeit und chronische Immunthrombozytopenie. Seither erfolgt eine interdisziplinäre Betreuung durch Immunologen, Humangenetiker und Hämatologen. Noch ist die Ätiologie nicht vollständig geklärt. Zudem drängt sich die Frage auf, ob in diesem Falle die Atopie als eine Koinzidenz oder gar als Prädisposition für die Autoimmunphänomene vorliegt.

Fazit für die Praxis

Für die Praxis und die Arbeit mit pädiatrischen Patienten mag es bisweilen hilfreich sein, die Atopie als prädisponierenden Faktor für Autoimmunerkrankungen in differentialdiagnostische Überlegungen einzubeziehen.

Disclosure Statement

Hiermit erkläre ich, dass ich keine Interessenskonflikte in Bezug auf den vorliegenden Wissenstransfer bestehen.

1.
D'Angelo G, Marseglia L, Manti S, et al.: Atopy and autoimmune thyroid diseases: melatonin can be useful? Italian J Pediatr 2016;42:95.
2.
Guo R, Zhou Y, Lu L, et al.: Atopy in children with juvenile systemic lupus erythematosus is associated with severe disease. PLoS One 2017;17:e0177774.
3.
Wei C-C, Lin C-L, Shen T-C, et al.: Atopic dermatitis and association of risk for Henoch-Schönlein purpura (IgA vasculitis) and renal involvement among children: results from a population-based cohort study in Taiwan. Medicine (Baltimore) 2016;95:e2586.
4.
Greco A, Rizzo MI, De Virgilio A, et al.: Churg-Strauss syndrome. Autoimmun Rev 2015;14:341-348.
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