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Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen, angesichts einer älter werdenden Bevölkerung und dem zunehmenden Einsatz immunsuppressiver Therapien verzeichnen pneumologische Infektionen, vor allem Pneumonien, eine steigende Prävalenz. Auch nach der COVID-19-Pandemie führen Pneumonien die Statistiken der infektionsbedingten Krankenhausaufnahmen an. Zusätzlich erkranken bis zu 1% aller Krankenhauspatientinnen und -patienten an einer nosokomialen Pneumonie, deren Risiko mit der Dauer des Krankenhausaufenthalts steigt. Besonders immunsupprimierte Patientinnen und Patientenhaben ein erhöhtes Risiko an einer Pneumonie zu erkranken, weisen ein breiteres Erregerspektrum auf und zeigen in Abhängigkeit von der Art der Immunsuppression schwerere Verläufe. Zudem ist weiterhin eine Zunahme der Resistenzraten gegenüber herkömmlichen Antibiotika zu beobachten, was die Notwendigkeit einer fortlaufenden Anpassung therapeutischer Strategien und der Entwicklung neuer antimikrobieller Wirkstoffe unterstreicht.

Diesen Entwicklungen stehen interessante Fortschritte in der Medizintechnologie gegenüber, die das Potenzial besitzen, bereits in den ersten Stunden nach der Diagnosestellung eine frühzeitige Pathogendetektion von Pneumonieerregern inklusive der Erkennung ihrer Resistenzen zu ermöglichen. Zusätzlich eröffnet der Einsatz und die Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz zukünftig neue Möglichkeiten für eine verbesserte Risikostratifizierung und bietet die Chance, diagnostische und therapeutische Entscheidungen zu optimieren und individuell auf die spezifischen Erfordernisse jeder Patientin und jedes Patienten abzustimmen.

Ein sehr anschauliches Beispiel dieser Dynamik ist der Einsatz der Multiplex-PCR-Technologie, die bei der Diagnosestellung eine präzise und schnelle Identifikation von Pathogenen ermöglicht. Die bisherigen Erfahrungen mit dieser Diagnosetechnik bei Pneumonien werden in dieser Ausgabe des Kompass der Pneumologie in einer Übersichtsarbeit von Julien Dessajan und Jean-François Timsit zusammengefasst und kritisch beleuchtet. Der Einsatz dieser Technologie kann in den wichtigen ersten Stunden einer schweren Infektion entscheidend für die Anpassung von Therapien sein. In Zeiten zunehmender Resistenzraten ist die Möglichkeit, schnell auf spezifische Pathogene und deren Resistenzmuster zu reagieren, von großem Wert. Gleichzeitig ermöglicht der Ausschluss von Resistenzen eine Optimierung der antibiotischen Therapie, indem gezielt Antiinfektiva eingespart werden können, die sonst gegen multiresistente Erreger eingesetzt würden. Die Autoren weisen jedoch auch darauf hin, dass die breite Nutzung dieser Diagnostiktools noch nicht ausgereift ist und dass klinische Studienergebnisse noch nicht optimal auf reale Situationen übertragbar sind, nicht zuletzt auch da sie von spezialisierten Expertenteams durchgeführt werden. Eine enge Kooperation mit Mikrobiologinnen und Mikrobiologen ist erforderlich, und eine gründliche Schulung des klinischen Personals ist unerlässlich, um die Potenziale der Multiplex-PCR weiter einordnen zu können.

In einer weiteren interessanten Studie wird das wachsende Potenzial der künstlichen Intelligenz für die pneumologische Infektiologie untersucht. Derzeit wird der Einsatz dieser Technologie weiterentwickelt und es wird geprüft, ob die individuelle Risikoprofilierung von Patientinnen und Patienten dadurch verbessern werden kann.. Die Forschungsarbeit von Anthony Sophonsri et al. illustriert eindrucksvoll, wie maschinelles Lernen eingesetzt werden kann, um Risikofaktoren für die Entwicklung von Pneumonien bei beatmeten Patienten zu identifizieren. Mit Hilfe dieser Technologie könnten in Zukunft nicht nur die Behandlungsauswahl optimiert, sondern auch das Patientenoutcome verbessert werden. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin birgt großes Potenzial, neue Wege für personalisierte Behandlungsansätze zu erschließen.

Eine retrospektive Analyse kommentiert Johannes Knoch in seinem Wissenstransfer. Diese Studie unterstreicht die Notwendigkeit, effektive Strategien gegen multiresistente Bakterien zu entwickeln, da Patientinnen und Patienten mit MDR-Infektionen ein erhöhtes Risiko für Weaning-Versagen zeigen. Diese Erkenntnisse betonen die Notwendigkeit, sowohl präventive als auch therapeutische Maßnahmen zu entwickeln und die Forschung in diesem Bereich zu intensivieren.

Die Notwendigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit in der Behandlung respiratorischer Infektionen wird durch eine aktuelle Studie besonders betont, mit der sich Stefanie Keymel in ihrem Wissenstransfer auseinandersetzt: Die Behandlung von Pleura-Infektionen stellt aufgrund ihrer hohen Mortalitäts- und Morbiditätsraten weiterhin eine erhebliche klinische Herausforderung dar. Eine systematische Überprüfung hat gezeigt, dass die videoassistierte Thoraxchirurgie (VATS) im Vergleich zur Thorakotomie bedeutende Vorteile bietet, darunter kürzere Operationszeiten und eine gesteigerte Patientenzufriedenheit. Diese Ergebnisse unterstreichen auch die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen den Kolleginnen und Kollegen aus der Chirurgie, Pneumologie und Infektiologie sowie weiteren Fachspezialistinnen und -spezialisten, um optimale Behandlungsergebnisse zu erzielen.

Zusammenfassend unterstreicht die Auswahl der Artikel in dieser Ausgabe des Kompass Pneumologie die Bedeutung der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit diagnostischen und therapeutischen Innovationen bei der Behandlung von Infektionen des Respirationstraktes. Dieses erfordert auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Klinikerinnen und Klinikern und Forscherinnen und Forschern, um die klinische Praxis kontinuierlich an die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse anzupassen. Die Notwendigkeit, neue diagnostische Möglichkeiten zu bewerten und einzuschätzen, spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Eine aufschlussreiche und erkenntnisbringende Lektüre der aktuellen Ausgabe des Kompass Pneumologie wünscht Ihnen

Ihre

Prof. Dr. Hortense Slevogt