Background: Lung cancer (LC) is associated with high mortality and poor quality of life (QoL). The disease as well as oncological treatments such as radiation and chemotherapy with adverse effects can impair the QoL of patients. Add-on treatment with extracts of Viscum album L. (white-berry European mistletoe, VA) has been shown to be feasible and safe and to improve the QoL of cancer patients. The aim of this study was to analyze the changes in QoL of LC patients being treated with radiation according to oncological guidelines and add-on VA treatment in a real-world setting. Methods: A real-world data study was conducted using registry data. Self-reported QoL was assessed by the evaluation of the European Organization of Research and Treatment Health-Related Quality of Life Core Questionnaire scale (EORTC QLQ-C30). Adjusted multivariate linear regression analyses were performed to analyze factors associated with changes in QoL at 12 months. Results: A total of 112 primary LC patients (all stages, 92% non-small-cell lung cancer, median age 70 (ICR: 63–75)), answered the questionnaires at first diagnosis and 12 months later. Assessment of 12 months changes in QoL revealed significant improvement of 27 points for pain (p = 0.006) and 17 points for nausea/vomiting (p = 0.005) in patients who received combined radiation and VA. In addition, significant improvements of 15 to 21 points for role (p = 0.03), physical (p = 0.02), cognitive (p = 0.04), and social functioning (p = 0.04) were observed in guideline treated patients receiving no radiation but add-on VA.

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Abstract aus Schad F, Steinmann D, Oei SL, Thronicke A, Grah C. Evaluation of quality of life in lung cancer patients receiving radiation and Viscum album L.: a real-world data study. Radiat Oncol. 2023 Mar 6;18(1):47.

Hintergrund

Aufgrund des anfänglich symptomfreien Verlaufs wird das Lungenkarzinom häufig in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert und ist dadurch mit belastenden Symptomen und einer stark eingeschränkten Lebensqualität verbunden [1]. Therapien zur Verbesserung der Lebensqualität sind daher von hohem Interesse.

Eine mögliche Therapie in diesem Kontext stellt die Misteltherapie dar. Sie wurde 1917 von Rudolf Steiner und Ita Wegmann, den Begründern der anthroposophischen Medizin, in die Therapie onkologischer Patienten eingeführt [2].

Die weißbeerige Mistel (Viscum album) wächst als immergrüner Strauch und Hemiparasit auf Laub- und Nadelbäumen. Geerntet wird das Mistelextrakt aus der gesamten Pflanze, die im Sommer Viscotoxin-reich und im Winter Mistellektin-reich ist. Beide Eiweißverbindungen, die Lektine und Viscotoxine, scheinen die wichtigsten Wirkstoffe des Vielstoffgemisches zu sein [3]. Abhängig von Wirtsbaum, Jahreszeit und Extraktionsverfahren variiert der Gehalt der aktiven Komponenten.

In vitro und in vivo stimulieren Mistelextrakte Immunzellen, wirken antiangiogen sowie in vitro zytotoxisch [4, 5] und bewirken eine Freisetzung von Beta-Endorphin [6]. In einer präklinischen Untersuchung an Zelllinien eines kleinzelligen Bronchialkarzinoms hemmten Mistellektine das Wachstum und lösten die Apoptose aus [7].

Die Misteltherapie kann nach der S3-Leitlinie «Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen» zur Verbesserung der Lebensqualität bei Patientinnen und Patienten mit soliden Tumoren empfohlen werden [8] und verbessert nach einer in 2022 erschienenen Meta-Analyse die krebsbedingte Fatigue mit moderaten Effekten [9].

Klinisch werden unter der Misteltherapie häufig Verbesserungen von Schlaf, Fatigue, Appetit, Schmerzen und allgemeinem Wohlbefinden beobachtet. Hinweise auf klinisch relevante Wechselwirkungen zwischen Misteltherapie und Chemotherapie [10, 11] oder zielgerichteten Therapien ergaben sich nicht [12, 13, 14, 15].

Vorgehen und Ergebnisse der Studie

Für diese monozentrische Studie (Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin) wurden retrospektiv Registerdaten von Patienten mit Lungenkarzinom hinsichtlich der Diagnose und der Histologie, den integrativ onkologischen Therapien und der Lebensqualität analysiert. Eingeschlossen in die Analyse wurden die Daten von Patienten, die nach Diagnosestellung und nach 12 Monaten Lebensqualitätsfragebögen (European Organization of Research and Treatment Health-Related Quality of Life Core Questionnaire Scale (EORTC QLQ-C30)) ausgefüllt hatten. Multivariable lineare Regressionsanalysen wurden durchgeführt, um Einflussfaktoren auf die Lebensqualität zu identifizieren und mögliche Quellen von Verzerrungen und Störfaktoren aufzudecken. Von 441 Patienten mit Lungenkarzinom, die zwischen 2013 und 2021 in dem Zentrum behandelt wurden, konnten 112 eingeschlossen werden, 131 Patienten verstarben innerhalb eines Jahres nach Diagnosestellung und bei 49 Patienten waren noch keine 12 Monate nach Diagnosestellung vergangen. Als Referenz dienten die 27 Patienten, die weder Strahlentherapie noch Misteltherapie erhalten hatten. 29 Patienten wurden mit Misteltherapie ohne Strahlentherapie behandelt, 32 mit Strahlentherapie und 24 mit Strahlentherapie und Misteltherapie. 53 Patienten (47%) erhielten ergänzend zu der Standardtherapie nach Leitlinie Misteltherapie im Median für 43 Tage (23 bis 74 Tage), 62 Patienten (55%) wurden operiert, 69 (62%) erhielten Chemotherapie und 47 (42%) zielgerichtete Therapien. Patienten, die eine Misteltherapie ohne Strahlentherapie erhielten, wiesen eine signifikante und klinisch relevante Verbesserung in 4 Funktionsskalen des EORTC auf. In der Gruppe der Patienten, die mit Strahlentherapie und Misteltherapie behandelt wurden, konnten signifikante und klinisch relevante Lebensqualitätsverbesserungen für die Symptomskalen Schmerz, Übelkeit/Erbrechen aufgezeigt werden.

Auf Grund der relativ kleinen Fallzahlen in den 4 Gruppen, des retrospektiven Designs und der Tatsache, dass nicht randomisiert und nicht kontrolliert wurde, ist die Aussagekraft der Studie eingeschränkt. Berichtet wurde nicht, wie viele der 131 verstorbenen Patienten eine Misteltherapie erhalten hatten, auch gab es keine Angaben zu Nebenwirkungen oder Therapieabbrüchen. Dies schränkt die Aussagekraft zusätzlich ein, obwohl die Misteltherapie in der Hand von geschulten Ärzten als relativ sicher gilt.

Fazit für die Praxis

Nach Leitlinie [8] kann bei Patienten mit soliden Tumoren, also auch bei Patienten mit Lungenkarzinom, eine Misteltherapie zur Verbesserung der Lebensqualität eingesetzt werden. Wechselwirkungen zwischen Misteltherapie und der System- und Strahlentherapie sind nicht zu befürchten. Die Aussagekraft der hier besprochenen Studie bzgl. der Wirksamkeit der Misteltherapie ist eingeschränkt und weitere Studien mit größeren Fallzahlen oder randomisiert-kontrolliertem Design sind wünschenswert.

Die Autorin erklärt, dass ein Beratervertrag mit WALA besteht.

Zweitveröffentlichung

Dieser Beitrag wurde erstveröffentlicht in Kompass Onkol. 2023;10:84–85 (DOI: 10.1159/000531158).

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