graphic

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserinnen und Leser,

Lungenkrebs ist mit über 50 000 Neuerkrankungen pro Jahr immer noch eine der häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland. Die 5-Jahres-Gesamtüberlebensrate über alle Stadien liegt bei unter 20%. Zwar unterscheiden sich die Überlebensraten zwischen den einzelnen Stadien deutlich, doch liegt das Rezidiv- und Sterberisiko auch in frühen Stadien noch weit über 60%.

Viele Jahre war die Therapie des nicht kleinzelligen Lungenkarzinoms (non-small cell lung carcinoma, NSCLC) geprägt durch adjuvante (postoperative) definitive (Radio-) oder palliative Chemotherapie, mit mäßigen Ansprechraten und begrenzter Überlebenszeit.

Doch es gibt Hoffnung, dass sich diese frustrierenden Ergebnisse mit vielen schicksalhaften Verläufen in absehbarer Zeit weiter zum Positiven verändern werden: In kaum einer anderen Tumorentität haben sich so viele vielversprechende Entwicklungen gezeigt wie in der Therapie des Lungenkarzinoms. Neben klassischen Chemotherapien stehen zunehmend personalisierte Ansätze, die sich zielgerichtet gegen individuelle Tumortreiber richten oder Checkpoint-Inhibitoren, die die Immunabwehr gegen den Tumor stimulieren, bereit. Diese Präzisionsonkologie wird die Heilungschancen und Lebensqualität der Patienten grundlegend verändern.

Immuntherapie und zielgerichtete Therapien sind in der modernen Lungenkrebstherapie nicht mehr wegzudenken und bilden einen Grundpfeiler der Therapie im fortgeschrittenen und metastasierten Stadium der Krankheit beim NSCLC. Aber auch in den sogenannten frühen – operablen – Stadien kann die (neo-)adjuvante Immuntherapie in Kombination mit Chemotherapie Mikrometastasierungen frühzeitig bekämpfen und somit das Rezidivrisiko deutlich reduzieren.

Ob und wann hierbei der neoadjuvante, adjuvante oder perioperative Ansatz zum Einsatz kommen wird, ist eine spannenden Diskussion, die in den kommenden Monaten und Jahren durch immer neue Studienergebnisse, Real-world-Daten und klinische Erfahrungen geklärt werden muss.

Die Rationale für eine neoadjuvante Immuntherapie durch eine gesteigerte robuste Immunantwort bei präoperativ – aufgrund des vorhanden Primärtumors – noch hoher Antigenlast, die durch zytotoxische und immunstimulierende Eigenschaften der Chemotherapie unterstützt wird, scheint vielversprechend und kann zusätzlich zu aktiven Immunzellen führen die quasi perioperativ Mikrometastasierung bekämpfen können. Lesen Sie hierzu die Übersichtsarbeit von Jay Parekh und Kollegen in dieser Ausgabe.

Gleichwohl ist auch diese Therapie nicht ohne Nebenwirkungen wie unerwünschte immunvermittelte Effekte (immune-related adverse events, irAEs) von Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI). Ein entsprechendes Fallbeispiel schildern Tehmina Habib und Kollegen in der Rubrik «Erfahrung aus der Praxis» in diesem Heft. Ob jedoch gerade leichte irAEs einen günstigen Einfluss auf das Gesamtüberleben (overall survival, OS) haben, ist ebenfalls aktuell in der Diskussion.

Die rasanten Entwicklungen in der systemischen Therapie des NSCLC führen schon heute in spezialisierten zertifizierten Lungenkrebszentren zu einer weitgehenden – nahezu reflexhaften – immunhistologischen und molekulargenetischen Analyse des Tumorgewebes.

Nach sorgfältigem Staging und Klärung des persönlichen Risikoprofils des Patienten wird die Therapie entsprechend der spezifischen Tumorbiologie eng abgestimmt. Die Entscheidung für eine individualisierte Therapiestrategie wird somit immer komplexer und bedarf einer engen frühzeitigen Einbindung aller am Behandlungsprozess Beteiligten und enger Abstimmung zwischen den diagnostischen und interventionellen Disziplinen.

Alle Patienten mit Lungenkarzinoms sollten unabhängig von der Therapieintention vor Therapiebeginn im interdisziplinären Tumorboard eines zertifizierten Lungenkrebszentrums vorgestellt werden, um das bestmögliche multimodale Vorgehen für jeden Patienten individuell abzustimmen. Dies bedeutet allerdings auch, dass personalisierte (Lungen-)Krebsmedizin in die Routineversorgung implementiert wird.

Frühzeitige Diagnosestellung – im Idealfall durch ein nationales organisiertes Lungen-Screening-Programm –, vollständige und schonende Tumorresektion in Zentren mit ausgewiesener und ausreichender Expertise sowie individualisierte Therapien – multimodal, interdisziplinär und interprofessionell – sind der Schlüssel für eine kontinuierliche Verbesserung der Behandlung des Lungenkarzinoms.

Eine aufschlussreiche Lektüre dieser Ausgabe des Kompass Pneumologie wünscht Ihnen

Ihre

Dr. Katrin Welcker