Objective: To investigate the differential diagnostic spectrum in patients with suspected Behçet’s syndrome (BS) in low prevalence regions. In addition, the number of patients fulfilling the ICBD criteria despite not having BS was evaluated. Methods: This retrospective analysis was performed in two referral centers for BS. Patients with confirmed BS (clinical diagnosis with fulfilment of ISG criteria or a score of ≥ 5 points in the ICBD criteria) were excluded. The remaining patients were divided into eleven differential diagnosis categories. If no definitive alternative diagnosis could be established, patients were termed ‘probable BS’ in case of (1) relapsing orogenital aphthosis in the absence of other causes and either HLA-B51 positivity, origin from an endemic area or presence of an additional typical BS symptom that is not part of the classification criteria or (2) with 3–4 points scored in the ICBD criteria. Results: In total 202 patients were included and categorized as follows: 58 patients (28.7%) as ‘probable BS’, 57 (28.2%) skin disease, 26 (12.9%) chronic pain syndrome, 14 (6.9%) eye disease, 11 (5.4%) spondyloarthropathy, 9 (4.5%) gastrointestinal disease, 7 (3.5%) neurological disease, 4 (2%) arthritis, 3 (1.5%) auto-inflammation, 3 (1.5%) connective tissue disease, 10 (5.0%) miscellaneous disease. HLA-B51 was positive in 55/132 (41.6%); 75/202 (37.1%) of the patients fulfilled the ICBD criteria.

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Abstract aus Lötscher F, Kerstens F, Krusche M, et al.: When it looks like Behçet’s syndrome but is something else: Differential diagnosis of Behcet’s syndrome: a two-centre retrospective analysis. Rheumatology (Oxford) 2023, in press. DOI: 10.1093/rheumatology/kead101.

Hintergrund

Der Morbus Behçet (MB) ist eine entzündliche Systemerkrankung unbekannter Ätiologie mit mukokutaner, okularer, artikulärer, vaskulärer, neurologischer und gastrointestinaler Beteiligung. Aufgrund fehlender pathognomonischer Merkmale stützt sich die Diagnose von MB ausschließlich auf das klinische Erscheinungsbild. Für Forschungszwecke wurden verschiedene Sätze von Diagnose-/Klassifizierungskriterien entwickelt [1, 2]. Diese werden häufig auch für die Diagnose des MB im klinischen Alltag gebraucht [3]. Obwohl sie akzeptable Sensitivität und Spezifität als Klassifizierungskriterien bieten, spiegeln die Kriterien der International Study Group (ISG) für MB [1] und die neueren Kriterien der International Criteria for MB (ICBD) [2] die regionalen Unterschiede in der Prävalenz und den klinischen Manifestationen (unter anderem Schweregrad) von MB nicht wider.

In Ländern mit niedriger Prävalenz sind Ärzte und Ärztinnen mit MB und seinen Differenzialdiagnosen nicht vertraut: Studien in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz haben eine diagnostische Verzögerung von bis zu 8 Jahren vom Ausbruch der Krankheit bis zum Zeitpunkt der Diagnose gezeigt. Darüber hinaus berufen sich Ärzte bei der Diagnose von MB fälschlicherweise auf die Erfüllung der oben genannten Diagnose-/Klassifizierungskriterien sowie auf die HLA-B51-Positivität. Aus diesem Grund wurde eine retrospektive Studie in 2 Zentren durchgeführt (Hamburg, Deutschland, und Amsterdam, Niederlande), mit dem Ziel, das differenzialdiagnostische Spektrum etablierter Spezialsprechstunden für MB in Regionen mit einer geringen Prävalenz dieser Krankheit zu analysieren [4].

Ergebnisse der Studie

Insgesamt wurden 384 Patienten eingeschlossen, bei denen ein Verdacht auf MB bestand, wobei diese Diagnose bei 182 bestätigt wurde. Die verbliebenen 202 Patienten (davon 101 aus für MB endemischen Ländern stammend) wurden in Bezug auf die finale Diagnose analysiert (Abb 1). Insgesamt wurden 58/202 Patienten (28,7%) als «wahrscheinlicher MB» eingestuft, davon erfüllten nur 40 (69%) die ICBD-Klassifizierungskriterien. Die übrigen 144 Patienten wurden wie folgt in 10 differenzialdiagnostische Kategorien eingeteilt: 57 (28,2%) mit Hauterkrankungen, 26 (12,9%) mit chronischem Schmerzsyndrom, 14 (6,9%) mit Augenerkrankungen, 11 (5,4%) mit Spondylarthritiden (SpA), 9 (4,5%) mit Magen-Darm-Erkrankungen, 7 (3,5%) mit neurologischen Erkrankungen, 4 (2,0%) mit anderer Arthritis, 3 (1,5%) jeweils mit autoinflammatorischen Erkrankungen und Bindegewebserkrankungen und 10 (5,0%) mit sonstigen Krankheiten. Das Durchschnittsalter betrug 39,3 Jahre und 134 (66,3%) waren weiblich. Bezüglich des ethnischen Hintergrundes waren 32,2% der Patienten aus Deutschland, 7,4% aus den Niederlanden, 5,0% aus anderen europäischen Ländern, 35,1% aus der Türkei, 5,9% aus Marokko, 10,4% aus Asien oder Ländern des Nahen Ostens und 0,5% aus Afrika. Das HLA-B51-Gen war bei 27,2% (55/202) positiv; berücksichtigt man nur die für HLA-B51 getesteten Patienten, lag der Anteil bei 41,7% (55/132). Der Pathergietest wurde bei 138 Patienten durchgeführt und war nur bei 5 von ihnen positiv.

Abb. 1.

Methoden der Studie, einschließlich der Definition der Kategorie «wahrscheinlicher MB»; mod. nach [4]. MB = Morbus Behçet, ICBD = Internationale Kriterien für Morbus Behçet, ISG = Internationale Studiengruppe, OGA = orale und genitale Aphthen.

Abb. 1.

Methoden der Studie, einschließlich der Definition der Kategorie «wahrscheinlicher MB»; mod. nach [4]. MB = Morbus Behçet, ICBD = Internationale Kriterien für Morbus Behçet, ISG = Internationale Studiengruppe, OGA = orale und genitale Aphthen.

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Die Autoren haben die Erfüllung der ICBD-Kriterien überprüft und gefunden, dass mit einem ICBD-Score-Grenzwert von 4 Punkten die Sensitivität und die Spezifität 93,5% bzw. 75,7% betrugen. Das Anwenden eines ICBD-Score-Cut-off von 5 Punkten erhöhte die Spezifität auf 97,2% und reduzierte die Sensitivität auf 75,8%. Bei 75 Patienten (37,1%) waren die ICBD-Kriterien mit einem Score von ≥ 4 Punkten erfüllt.

Tabelle 1 gibt einen Überblick über die einzelnen differenzialdiagnostischen Gruppen und die entsprechenden Diagnosen.

Tab. 1.

Überblick über die einzelnen differenzialdiagnostischen Gruppen und die entsprechenden Diagnosen der 202 Patienten; mod. nach [4]

 Überblick über die einzelnen differenzialdiagnostischen Gruppen und die entsprechenden Diagnosen der 202 Patienten; mod. nach [4]
 Überblick über die einzelnen differenzialdiagnostischen Gruppen und die entsprechenden Diagnosen der 202 Patienten; mod. nach [4]

Fazit für die Praxis

Die Resultate dieser 2-zentrischen retrospektiven Studie zeigen, dass von einer signifikanten Anzahl an Patienten, die zur Beurteilung eines Verdachts auf MB überwiesen werden, etwas mehr als ein Drittel eine andere Diagnose hatten. Deswegen sollten sich Kliniker in Umgebungen mit geringer Prävalenz des MB bei der Diagnose von MB nicht ausschließlich auf die Diagnose- und Klassifizierungskriterien (ICBD- und ISG-Kriterien) verlassen, insbesondere bei Vorliegen von isolierter orogenitaler Aphthose. Darüber hinaus sollte HLA-B51 nicht als diagnostisches Kriterium herangezogen werden. Eine weitere, aber sehr wichtige Schlussfolgerung ist, dass die Evaluation und Beurteilung der Patienten mit Verdacht auf MB eine intensive Zusammenarbeit von Experten verschiedener klinischer Disziplinen, die mit der Erkrankung und dem differenzialdiagnostischen Spektrum vertraut sind, erfordert. Daher ist es sinnvoll, spezialisierte Referenzzentren für MB in Ländern mit geringer Prävalenz einzurichten, um die Patientenversorgung durch klinisches Fachwissen und prospektive Datenerfassung zu verbessern.

Disclosure Statement

Hiermit erkläre ich, dass keine Interessenkonflikte in Bezug auf den vorliegenden Kommentar bestehen.

1.
International Study Group for Behçet’s Disease
:
Criteria for diagnosis of Behçet’s disease
.
Lancet
.
1990
;
335
:
1078
1080
.
2.
International Team for the Revision of the International Criteria for Behçet’s Disease (ITR-ICBD): The International Criteria for Behçet’s Disease (ICBD): a collaborative study of 27 countries on the sensitivity and specificity of the new criteria
.
J Eur Acad Dermatol Venereol
.
2014
;
28
:
338
347
.
3.
Davatchi
F
,
Sadeghi Abdollahi
B
,
Chams-Davatchi
C
,
:
The saga of diagnostic/classification criteria in Behçet’s disease
.
Int J Rheum Dis
.
2015
;
18
:
594
605
.
4.
Lötscher
F
,
Kerstens
F
,
Krusche
M
,
:
When it looks like Behçet’s syndrome but is something else: Differential diagnosis of Behçet’s syndrome: a two-centre retrospective analysis
.
Rheumatology (Oxford)
.
2023
, in press. http://dx.doi.org/10.1093/rheumatology/kead101.