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Seit gut 20 Jahren ist die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) damit beauftragt, Leitlinien im Bereich der Humanmedizin zu koordinieren. Leitlinien sollen einen Korridor öffnen und beschreiben, in dem die optimale aktuelle Therapie für den individuellen Patienten festgelegt werden kann. Im besten Fall wird so die ärztliche Kunst sinnvoll unterstützt. Obwohl im Prozess der Leitlinienerstellung zunehmend auch Grenzen und Probleme offenbar werden, haben die Leitlinien der AWMF einen festen Platz im Gesundheitssystem eingenommen. Wie in jedem Feld, in dem Menschen um Kompromisse ringen, sind Leitlinien aber auch dadurch gekennzeichnet, dass bei der Erstellung berufspolitische Interessen, Vorurteile und persönliche Neigungen ausagiert werden.

In den ersten 18 Jahren waren Vertreter der Naturheilkunde und Komplementärmedizin häufig nur Zaungäste. Seit dem Jahr 2011 ist aber ein Prozess in Gang gebracht worden, der die Wahrnehmung von Naturheilkunde und Komplementärmedizin in den medizinischen Leitlinien grundlegend verändert hat. Als ein Beispiel unter vielen für diesen Prozess sollen die beiden folgenden Emails dienen:

2011: «Vielen Dank für Ihre Anfrage. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie hat im Bereich Naturheilkunde keinen Beratungs- oder Unterstützungsbedarf. Aktuell laufen bei uns diesbezüglich keine Projekte und sind auch nicht geplant. Mit freundlichen Grüßen Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.»

2016: «Unsere Fachgesellschaft hat gerade mit der Überarbeitung einer Leitlinie zum Management der frühen rheumatoiden Arthritis begonnen…Wir begrüßen die Mitwirkung der Gesellschaft für Phytotherapie und würden uns freuen, wenn Sie Herrn Professor Langhorst das offizielle Mandat hierfür erteilten…In der Hoffnung auf eine positive Rückmeldung…Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.»

Zwischen diesen beiden Emails lagen fünf Jahre - fünf Jahre, in denen die Task Force «Naturheilkunde und Komplementärmedizin in medizinischen Leitlinien», unterstützt durch die Ruth und Klaus-Bahlsen-Stiftung, konsequent daran gearbeitet hat, Therapien aus dem Bereich Naturheilkunde und Komplementärmedizin in humanmedizinische Leitlinien zu integrieren. Fünf Jahre, in denen wir mehr als einmal Erfahrungen mit erstaunlich undifferenzierten Vorurteilen, an vielen Stellen aber auch mit offenem Interesse an unserem Fach gemacht haben. Fünf Jahre, in denen es gelungen ist, die Gesellschaft für Phytotherapie als erste Fachgesellschaft aus dem Bereich Naturheilkunde und Komplementärmedizin als vollwertiges Mitglied in die AWMF zu integrieren. Fünf Jahre, in denen die klinische Forschung im Fach fortgesetzt wurde. Fünf Jahre, in denen durch die Erstellung zahlreicher systemischer Reviews und Meta-Analysen nutzbare Ergebnisse für die Leitlinienarbeit erstellt und eingebracht wurden.

An vielen Stellen sind durch Ausdauer und Konsequenz Bedingungen geschaffen worden, die eine fairere Auseinandersetzung mit Naturheilkunde und Komplementärmedizin im Prozess der Leitlinienerstellung möglich machen. Durch den Einsatz vieler Beteiligter ist es mit seriöser und akribischer Arbeit gelungen, Vertrauen aufzubauen.

Im Rahmen des von der Rut- und Klaus-Bahlsen-Stiftung geförderten Symposiums «Naturheilkunde und Komplementärmedizin in medizinischen Leitlinien» am 4. Dezember 2015 wurde nun eine Zwischenbilanz gezogen und das Spannungsfeld mit all seinen Herausforderungen und Potenzialen ausgelotet. Die Ergebnisse des Symposiums sind in den Beiträgen der Ihnen vorliegenden Ausgabe der Forschenden Komplementärmedizin zum Thema Leitlinien aufgearbeitet.

Die Akzeptanz der Leitlinienarbeit im Bereich Naturheilkunde und Komplementärmedizin steigt. Die Möglichkeiten der empfohlenen Therapien wird nun schon an zahlreichen Stellen durch Optionen aus der Naturheilkunde und Komplementärmedizin ergänzt - sicher im Sinne der Patienten. Aber erst durch die konsequente Ausweitung und Fortführung der begonnenen Arbeit wird eine Rückentwicklung (und Rückabwicklung) im Feld der Leitlinienarbeit unmöglich gemacht und damit die Anerkennung von Naturheilkunde und Komplementärmedizin im Fächerkanon der Medizin weiter gestärkt. Das Potenzial ist noch lange nicht erschöpft.

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen

Jost Langhorst